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Die besiegte Nation

Neuausrichtung in der Staatengemeinschaft und Bündnispolitik im Zeichen der Niederlage

Bei den Friedensverhandlungen im Frühjahr 1919 waren die Deutschen von Beginn an in einer denkbar aussichtslosen Position. Da sie erst im Augenblick ihrer totalen Kampfunfähigkeit um einen Waffenstillstand ersucht hatten, waren sie der unzweifelhafte und eindeutige Verlierer des Krieges, der sich einer Koalition ebenso eindeutiger Sieger gegenüber sah. Die Deutschen saßen nicht mit am Verhandlungstisch. Neutrale Dritte, die zugunsten Deutschlands hätten verhandeln können, gab es nicht. Die Siegermächte, deren Bevölkerung genauso unter dem Krieg gelitten hatte wie die Deutschen, sahen sich zudem mit den Erwartungen ihrer Landsleute konfrontiert, einen möglichst hohen Preis für die erlittenen Verluste heraus zu handeln.

Die deutsche Öffentlichkeit war sich dieser Konstellation nicht bewusst. Zum einen gelang es der Obersten Heeresleitung, die Wahrheit über die tatsächliche militärische Situation zu verschleiern und der zivilen Reichsregierung die Verantwortung für die Niederlage anzulasten. Der Mythos von der „im Felde unbesiegten“ Armee, der später in der so genannten Dolchstoßlegende zugespitzt wurde, fiel bei vielen Deutschen auf fruchtbaren Boden. Zum anderen bestand vor allem im bürgerlichen und linken politischen Lager die Zuversicht, dass der amerikanische Präsident Woodrow Wilson, der mit dem Völkerbund ein neues Zeitalter des Völkerrechts einleiten wollte, dafür Sorge tragen würde, dass die Friedensbedingungen dem politischen Wandel Rechnung tragen und die neue demokratische Regierung nicht für die Verfehlungen der ehemaligen Machthaber bestrafen würde.

Aus heutiger Sicht erscheinen die Bedingungen des Versailler Vertrages nicht so hart und ungerecht, wie ihn die Zeitgenossen sahen. Denn trotz aller Härte einzelner Bestimmungen des Vertrages behielt das Deutsche Reich seine Rolle als europäische Großmacht, die durch den Rückzug des mit innenpolitischen Auseinandersetzungen beschäftigten Sowjetrussland von der weltpolitischen Bühne sogar noch bedeutender wurde. Den Zeitgenossen fehlte aber die Erfahrung oder das Vorstellungsvermögen, dass es auch noch viel schlimmer hätte kommen können, wie es später das Ende des Zweiten Weltkriegs gezeigt hat. Für die Zeitgenossen wurde die Revision des Friedensvertrages zum alles beherrschenden Ziel deutscher Außenpolitik.